16.04.2010
Heimchen am Herd melden sich nicht
Esslinger Zeitung online - Doris Brändle
ESSLINGEN- Wie die Freiwillige Feuerwehr versucht, Nachwuchs zu rekrutieren - Frauen sind oft besonders motiviert
15 Kilo wiegt allein das Atemschutzgerät, das Nico Nagel seiner Kameradin Valerie Autem (links) und Andreas Otten der Oberfeuerwehrfrau Silke Sifft aufschnallt. Schwächlich sollten Interessenten also nicht sein.
Foto: Bulgrin
Wahrscheinlich hat fast jeder schon mal diese lappige blaue Postkarte aus seinem Briefkasten gefischt: „In Zukunft mit Dir!" ruft sie dem noch schläfrigen Esslinger in weißen Lettern zu. Sie fordert Frauen und Männer zwischen 18 und 36 Jahren auf, sich der Freiwilligen Feuerwehr anzuschließen. Valerie Autem fühlte sich angesprochen, auch wenn sie schon 40 war. „Ich wollte an meine Grenzen gehen. Wenn der Alarm losscheppert, klopft das Herz und sprudelt das Adrenalin", sagt die Belgierin.
Vielleicht war es das Feuer, vielleicht die Gefahr, die Valerie Autem vor drei Jahren gelockt haben. So genau weiß sie das selber nicht: „Es ist etwas, was man spürt", sagt sie. Schon in Belgien wollte sie Feuerwehrfrau werden. Doch dort sind Frauen gar nicht zugelassen. Brandoberamtsrat Rainer Stalzer, Chef aller Esslinger Feuerwehrleute, kann sich so viel männliche Überheblichkeit nicht leisten. Von schlimmen Nachwuchssorgen will er nun nicht gerade sprechen. „Aber wir müssen schon gucken, wo wir Leute herkriegen."
Die Freiwillige Feuerwehr ist ein Traditionsverein. Viele der Jugendlichen in den Abteilungen sind Feuerwehrmann qua Geburt. Der Vater ist dabei und der Großvater war es oft auch schon. Etwa 60 Prozent des Nachwuchses rekrutiert die Feuerwehr laut Stalzer über diese alteingesessenen Feuerwehrsippen. Doch anders als auf dem flachen Land stehe die Feuerwehr hier in Konkurrenz zu zahllosen anderen Freizeitangeboten. „Auch das G 8 ist kontraproduktiv. Die Jugendlichen haben keine Zeit. Viele müssen sich zwischen zwei Vereinen entscheiden."
Vor drei Jahren hat die Esslinger Feuerwehr deshalb eine große Kampagne mit Plakaten in Bussen, mit Flyern und Postkarten gestartet, die gezielt erwachsene Neumitglieder werben sollte. Allein die Abteilung Wäldenbronn hat dadurch fünf neue Leute gewonnen. Das ist ein Siebtel der 36-köpfigen Abteilung. Keine schlechte Quote, findet Abteilungskommandant Markus Raichle. Damals ist auch Valerie Autem dazugekommen.
„Wir haben von damals noch Postkarten übrig", sagt Stalzer. „Die verteilen die Abteilungen nach und nach. So wird das Material verschafft." Dass es die Telefonnummer, die vorn auf den Karten aufgedruckt ist, längst nicht mehr gibt, weil die Feuerwehr mittlerweile umgezogen ist, ist derweil noch niemandem aufgefallen.
Geschadet hat das aber offenbar auch nicht. Denn auf 50 bis 70 Karten, die verteilt werden, melden sich laut Stalzer zwei bis drei Interessierte. Natürlich wird nicht aus jedem ein Feuerwehrmann. „Wir laden die Leute erstmal zum Drehleitersteigen ein", sagt Stalzer. Da überlegt es sich dann mancher auf halber Höhe der 30 Meter langen Leiter anders. Und auch die Gesundheits- und Belastbarkeitsprüfung muss man erst mal überstehen. Denn fit muss man sein. „Schon diese Schuhe sind richtig schwer", sagt Valerie Autum und hebt einen der klobigen schwarzen Stiefel an ihren Füßen. Auf Schonung brauche man als Frau nicht zu spekulieren, dafür werde man in den Kreis der Kameraden problemlos aufgenommen, sagt sie. „Man darf halt nicht zickig oder pingelig sein." Markus Raichle hat mit den Frauen gute Erfahrungen gemacht. „Die sind oft besonders motiviert", sagt er. „Da melden sich aber auch nicht die Heimchen am Herd." Insgesamt kommen bei der Freiwilligen Wehr in Esslingen nur fünf Frauen auf 250 Männer.
Ersatzdienst ist selten
Nachdem die Wäldenbronner Anfang April wieder ein paar Straßen mit Postkarten bestückt hatten, meldeten sich immerhin vier junge Männer. Drei davon arbeiten in Handwerksbetrieben in der Gegend, einer ist Haustechniker - wahre Traumkandidaten. Denn dass die Leute tagsüber zum Löschen kommen können, ist kein bisschen selbstverständlich mehr. Silke Sifft, die erste Frau, die vor acht Jahren der Freiwilligen Feuerwehr Wäldenbronn beigetreten ist, hat früher einfach ihren Blumenladen zugesperrt, wenn der Melder schepperte. Jetzt hilft sie ihrem Mann in der Schreinerei in Weinstadt. So weit würde der Melder zwar reichen. „Aber bis ich da wäre, wäre alles abgebrannt."
Fasziniert hat die Feuerwehr sie schon als Kind. „Wenn der Melder tut und der Vater davonrennt, das ist spannend." Aber erst als die Kleinste ihrer vier Kinder groß genug war, hat sie dem Reiz nachgegeben. Damals war sie 32.
Dass junge Männer gezielt der Freiwilligen Feuerwehr beitreten, um ihren Ersatzdienst abzuleisten, ist selten. Allein schon, weil man sich nicht wie beim Technischen Hilfswerk sicher sein könne, dass der Antrag durchgeht, sagt Stalzer. Bei den Esslinger Abteilungen leisten zur Zeit 30 Leute ihren Ersatzdienst. Sie bilden einen eigenen Gefahrgutzug.
Dieser Artikel wurde original aus dem/der Esslinger Zeitung online entnommen,
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