Seit den Morgenstunden lag am Donnerstag dichter Rauch über der Esslinger Altstadt. Der Hintergrund: Ein Kriminaldrama, bei dem zwei Tote zu beklagen sind.
Der Brandgeruch lag über der gesamten Altstadt: In der Nähe des Esslinger Bahnhofs spielte sich am Donnerstag ein großes Drama ab. Ein Haus brannte, geborgen wurden zwei Tote, eine Schwerverletzte und ein Mann, der von einem Balkon gerettet werden konnte.
Die Polizei sprach schon frühzeitig von einem Tatverdächtigen. Im Verlauf des Nachmittags waren es zunächst Gerüchte auf der Straße, die sich dann zur Gewissheit verdichteten. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart und die Kriminalpolizeidirektion Esslingen ermitteln wegen des Verdachts auf ein Tötungsdelikt und schwere Brandstiftung.
Hintergrund dürfte eine angedrohte Zwangsräumung sein. So viel ist nach Informationen der Kriminalpolizei bisher bekannt: Einem 61-Jährigen wurde der Mietvertrag gekündigt, die Wohnung sollte am Freitag zwangsgeräumt werden. Mieter und Vermieter gerieten in der Vergangenheit wohl schon mehrfach in Streit. Am Donnerstag eskalierte der Streit. Der Verdacht steht im Raum, dass der 61-jährige Mieter für den Brand in dem Gebäude und für den Tod des 31-jährigen Sohn des Vermieters verantwortlich ist und danach sich selbst tötete. Beide Männer hatten offenbar Schussverletzungen. Eine mögliche Tatwaffe konnte sichergestellt werden.
Offenbar war es der 76-jährige Vater des Getöteten, der mit einer Drehleiter vom Balkon gerettet werden konnte. Die schwer verletzte Frau, ebenfalls eine Bewohnerin, wagte wohl den Sprung aus einem Fenster. Sie wurde mit einem Rettungshubschrauber in eine Klinik gebracht.
Qualm und Hubschrauberlärm über Esslingen
Die Auswirkungen waren über viele Stunden in der gesamten Innenstadt spürbar. Über dem Tatort kreiste ein Hubschrauber. Rund 100 Feuerwehrleute, Polizisten, Kriminalisten, Sprengstoffexperten und Rettungskräfte waren vor Ort. Das brennende Haus in der Straße Am Kronenhof, einer Verbindungsstraße zwischen zwei stark belebten Einkaufsstraßen in der Esslinger Innenstadt, wurde weiträumig abgesperrt. Begründung, so ein Polizeisprecher am Morgen, als die Lage noch weitgehend unklar war: „Wir wissen nicht, ob noch mehr passieren kann.“ Eine Gefahr für die Bevölkerung durch einen möglicherweise flüchtigen Täter aber schloss die Polizei frühzeitig aus, denn da war schon klar: Der mutmaßliche Täter „befindet sich unter den beiden Toten“, so ein Polizeisprecher.
Die Gerüchteküche auf der Straße lief derweil heiß. Mal war von einer Beziehungstat die Rede, mal war schon von einem Mieter-Vermieter-Streit die Rede. Zeugen berichteten von „Knallgeräuschen“, wie es die Polizei anfangs formulierte. Später wird sich herausstellen: Es waren Schüsse. Ein Zeuge wusste früh Bescheid: „Ich habe heute Morgen gegen 7 Uhr drei Schüsse gehört. Als ich nach draußen gegangen bin, habe ich gesehen, dass das Nachbarhaus brennt.“ Daraufhin habe er sofort die Polizei angerufen. Ein anderer Zeuge berichtet, sie hätten Schreie gehört und auf der Straße habe ein Mensch gelegen. Vermutlich handelte es sich dabei um die Frau, die sich mit einem Sprung aus dem Fenster gerettet hatte.
Menschen in Altstadt von Esslingen schockiert
Oberbürgermeister Mattias Klopfer und Ordnungsbürgermeister Yalcin Bayraktar waren früh vor Ort. Klopfer sprach von einem „Schockzustand“. Nicht der erste in diesen Wochen: Ende Oktober ereignete sich im Esslinger Vorort Weil ein schlimmes Verkehrsunglück. Eine 39-jährige Frau und ihre beiden drei und sechs Jahre alten Kinder wurden von einem Auto überfahren und starben noch am Unglücksort. Klopfer: „Das ist wieder eine schwierige Situation für unsere Stadt.“
Die Umgebung wurde teilweise evakuiert. Zwei Studierende aus einem Nachbarhaus standen in Badeschlappen vor der Polizeiabsperrung. „Ich konnte nur meinen Schlüssel mitnehmen“, sagt einer der beiden. Wann sie zurück in ihre Wohnung können, wussten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, hatten sich aber sicherheitshalber schon einmal die Zusagen von Freunden eingeholt, dass sie bei ihnen unterkommen könnten.
Außer diesen beiden versuchten auch andere in ihre Wohnungen innerhalb der abgesperrten Zone zu kommen. Bis auf wenige Ausnahmen hatten sie aber keine Chance. Die wenigen, die nach dem Vorzeigen ihres Personalausweises durch die Sperre durften, wohnten unmittelbar an der Polizeiabsperrung. Näher zum brennenden und qualmenden Haus kam über viele Stunden niemand außer der Polizei und der Feuerwehr.
Behörden geben in Esslingen Entwarnung
An allen Absperrungen fanden sich im Verlauf des Tages größere Gruppen von Passanten zusammen, behinderten aber die Lösch- und Ermittlungsarbeiten nicht. Viele Menschen zogen sich aufgrund des beißenden Geruchs Masken und Tücher ins Gesicht. Die Warn-App Nina meldete „erhebliche Rauchentwicklung“ in Esslingen. „Halten Sie Fenster und Türen geschlossen, stellen Sie vorhandene Lüftungsanlagen ab.“
Andreas Gundl, Leiter der Stabsstelle Besondere Gefahrenabwehr, erläuterte, wo anfangs eines der Hauptprobleme für die Feuerwehr lag: Sie konnten nicht augenblicklich mit den Löscharbeiten beginnen, weil die Polizei erst die Lage klären musste. Gerade zu Beginn des Einsatzes war überhaupt nicht klar, ob noch Gefahr im Verzug war. Gegen Mittag rückte die Feuerwehr dann mit Baggern an, „damit wir ordentlich hinkommen und wirksamer löschen können“, so Gundl. Am frühen Nachmittag ließ dann der Rauch tatsächlich nach.
Fotos:
Roberto Bulgrin, StZN/Johannes Fischer, Fotoagentur Stuttgart/Andreas Rosar, SDMG